Die Geschichte der ersten Messe für moderne Kunst von Günter Herzog

1984 bis 2000: ART COLOGNE

Unter seinem neuen Vorsitzenden Gerhard F. Reinz veranstaltete der BVDG in der Nachfolge des Vereins progressiver deutscher Kunsthändler im November 1984 den 18. Kunstmarkt in Köln mit nunmehr 160 Galerien aus zehn Ländern unter dem neuen Namen ART COLOGNE. Rudolf Zwirner kuratierte eine viel beachtete Sonderschau der aktuellen 'Kunstszene New York' und das Kunstmuseum Bern präsentierte Teile seiner Sammlung. Mit 50.000 Besuchern wurde die ART COLOGNE zur international erfolgreichsten Kunstmesse des Jahres und zum Focus des rheinischen Kunstbooms, in dessen Verlauf Köln zu einer Metropole des globalen Kunsthandels wurde.

Geradezu euphorisch reagierte die Pressekritik auf die ART COLOGNE des Jahres 1985, die "als vielleicht schönste Messe" bezeichnet und in Analogie zur documenta als 'Museum der 100 Tage' als "Museum der 7 Tage" bezeichnet wurde. Rund 55.000 Besucher sahen die Kojen der 165 Aussteller, zu denen erstmals auch der Staatliche Kunsthandel der DDR zählte, und die von Klaus Honnef kuratierte erste Sonderschau, die sich unter dem Titel "Der Schein des Objektiven" der Fotografie widmete. Die nun erreichte hohe Qualität der Messe wurde im folgenden Jahr 1986 bestätigt, das mit der Sonderschau "Focus" einen Überblick über die kanadische Kunstszene zwischen 1960 und 1985 bot.

1987 feierte die ART COLOGNE auf dem Höhepunkt des rheinischen Kunstbooms ihren zwanzigsten Geburtstag. Sie galt nun international als wichtigster Markt der Gegenwartskunst. In einer Sonderschau präsentierte das Berliner Kupferstichkabinetts 'Grafik des 20. Jahrhunderts' und verhalf damit dem Marktsegment der Grafik zu einem Revival. Erstmals wurde der von Marianne und Hansfried Defet (da Vinci Künstlerpinselfabrik, Nürnberg) gestiftete Künstlerpreis auf der ART COLOGNE verliehen, Preisträger war Rainer Barzen.

1988 legten die KölnMesse und der BVDG den 1973 vom Verein progressiver deutscher Kunsthändler begründeten und ab 1979 nicht mehr verliehenen Kunstpreis wieder auf, der nun ART COLOGNE-Preis heißen sollte. Erste Preisträgerin war Ileana Sonnabend, deren Wirken in einer grandiosen Sonderschau präsentiert wurde. Der Defet-Preis ging in diesem Jahr an den Bildhauer Yuji Takeoka. Ebenfalls im Jahr 1988 führen der BVDG und die KölnMesse die 'Benefiz-Eröffnung' der ART COLOGNE ein, die im ersten Jahr einen Betrag von 120.000 DM erbrachte, welcher dem Museum Ludwig für den Ankauf von Kunst zur Verfügung gestellt wurde.

War bisher die Zahl der ausstellenden Galerien auf 165 beschränkt, so hatte man 1989, im Jahr des Mauerfalls, insgesamt 189 Galerien zugelassen. Die gestiegene Ausstellerzahl war zum Teil darauf zurückzuführen, dass auf Initiatve der Kölner Galeristin Monika Sprüth und ihrer Kollegen Max Hetzler und Jörg Johnen das "Sonderprogramm junge Galerien" verwirklicht wurde, das 31 neuen Galerien mit junger, aktueller Kunst eine preiswerte Teilnahme ermöglichte und erheblich zur Verjüngung des Angebotes beitrug. Als Sonderschau präsentierte das Wilhelm-Lehmbruck-Museum Duisburg seine Bestände mit Ausstellungsarchitektur von Erwin Heerich, in einer weiteren Sonderschau feierten acht Fotogalerien den 150. Geburtstag der Fotografie, die sich immer mehr zu einer wichtigen neuen Sparte des Kunsthandels ausdifferenzierte. Der diesjährige ART COLOGNE Preis ging an den Ausstellungskurator Harald Szeemann. Die Benefizeröffnung war dem Ankauf von Sigmar Polkes mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Venezianer Biennalezyklus für das Museum Abteiberg in Mönchengladbach gewidmet.

Im Jahr 1990, machte die ART COLOGNE einen großen räumlichen Wachstumssprung: bis 1989 war die Messe im Erdgeschoß und Teilen des Obergeschosses der Rheinhallen (1-3) angesiedelt, in diesem Jahr wurde der Ausstellungsraum um die zu den Hallen 1-3 quer gelagerte Halle 5 erweitert und die Anzahl der ausstellenden Galerien auf 268 erhöht. Die Sonderschau im Jahr der Wiedervereinigung war dem Dresdener Kupferstichkabinett gewidmet, das unter dem Titel "Verdecktes Sammeln" seine Arbeit in den schwierigen Zeiten der DDR veranschaulichte. Die bei der Benefiz-Eröffnung zusammen gekommenen 205.000 Euro erhielten die Dresdener Kunstsammlungen zum weiteren Ausbau ihrer Bestände. Der diesjährige ART COLOGNE Preis ging an Katharina Schmidt, Direktorin des Städtischen Kunstmuseums Bonn.

Das Jahr der Weltwirtschaftskrise, 1991, die Japan am schlimmsten getroffen hatte, hat die ART COLOGNE gut überstanden. Für Hein Stünke, den diesjährigen ART COLOGNE-Preisträger, feierte die Messe ein Jubiläum, denn vor fünfundzwanzig Jahren hatte Stünke seine "Vorschläge zu einer KÖLNER MESSE MODERNER KUNST" erstmals zu Papier gebracht. Aus Dankbarkeit für den ART COLOGNE-Preis stiftete Hein Stünke dem BVDG das Archiv seiner Galerie. Der BVDG wiederum hat auf seiner Mitgliederversammlung am ersten Tag der ART COLOGNE, dem 14. November 1991 auf Vorschlag und unter dem Vorstandsvorsitz von Gerhard F. Reinz beschlossen, das Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels ZADIK zu gründen. In der Sonderschau "Positionen" gab die Messe einen Überblick über das bisherige Programm der Förderkojen. Die Benefiz-Gala erbrachte einen Erlös von 200.000 DM, die der Stadt Gotha für ihr Skulpturenprojekt auf Schloss Friedenstein übergeben wurden.

Im Jahr 1992 veranstalteten die Kölner Galeristin Tanja Grunert und ihre Kollegen Christian Nagel und Michael Jansen sowie die Künstlerin Heike Kempken gleichzeitig zur ART COLOGNE die ausschließlich jungen Galerien vorbehaltene Gegenmesse "Unfair", die sich auf die Messekonzeption der folgenden Jahre auswirken sollte. ART COLOGNE-Preisträgerin des Jahres war die Pariser Galeristin Denise René, und in der Sonderschau stellte die Stadt Gotha ihr Skulpturenprojekt vor. In einer großen Benefiz-Aktion stifteten die Galerien des BVDG dem Busch-Reisinger Museum 150 Original-Arbeiten auf Papier aus den Jahren 1945 – 1975. Eine geradezu spektakuläre Sonderschau bot die ART COLOGNE im Jahr 1993 ihren nunmehr 70.000 Besuchern mit den Young British Artists der Londoner Sammlung Saatchi, auf der Damien Hirsts "The Physical Impossibility of Death (Shark)" gezeigt wurde. Auch die ART COLOGNE-Preisträgerin kam aus London: die Galeristin Annely Juda. Nach den 283 Teilnehmern des Jahres 1993 wurde im Jahr 1994 mit 323 Galerien ein neuer Ausstellerrekord aufgestellt. Er verdankte sich jedoch nicht zuletzt dem Einschluß der jungen internationalen 'Unfair'-Galeristen in die ART COLOGNE, deren Preisträgerin in diesem Jahr die Madrilener Kuratorin und Museumsleiterin Maria de Corral war.

Europas größte Kunstmesse machte im Jahr 1995 ihrem Namen in jeder Hinsicht alle Ehre. Die ART COLOGNE 1995 war eine Supermesse in Bezug auf die Messedauer, die Aussteller und die Besucherzahlen. Hatte sie bisher zwischen fünf und acht Tagen gedauerte, so lief sie in diesem Jahr neun Tage lang, denn da der Buß- und Bettag als Feiertag abgeschafft war, hatte man den Verlust des arbeitsfreien Tages durch den Einschluss eines zweiten arbeitsfreien Wochenendes zu kompensieren versucht. Obwohl bereits 110 Bewerber um die höchst begehrte Messeteilnahme abgelehnt worden waren, wurde die ART COLOGNE immer noch von 349 Galerien bestückt, und 81.000 Besucher konnten 27.000 Kunstwerke auf 42.000 Quadratmetern sehen. Preisträger dieses Jahres war mit Rudolf Springer einer der Nestoren des deutschen Galerienwesens der Nachkriegzeit und einer der Gründungsgaleristen der ART COLOGNE als 'Kunstmarkt Köln '67'. Zunehmende Kritik an der hohen Zahl der ausstellenden Galerien und an der von vielen als zu lange empfundenen Messedauer führte im folgenden Jahr 1996 zu Konsequenzen. Die Dauer wurde auf acht Tage beschränkt, und die Zahl der Galerien auf 279. Zwei Sonderschauen waren zu sehen: Die SK Stiftung Kultur der Stadtsparkasse Köln präsentierte ihr August Sander Archiv, und in drei Räumen der Halle 5 war Robert Wilsons Installation "The Waterjug Boy" zu sehen, von der sich auch der diesjährige ART COLOGNE-Preisträger Peter Littmann, Vorstandsvorsitzender der Hugo Boss AG, beeindruckt zeigte.

Das Jahr 1997, in dem die Messe ihren dreißigsten Geburtstag feiern konnte, war von einigen einschneidenden Veränderungen geprägt. Gerhard F. Reinz hatte den Vorsitz des BVDG an Dietmar Löhrl abgegeben. Um in Zukunft den seit der Erfindung der Messe stets vorgebrachten Monopolvorwürfen zu entgehen, die es den vom BVDG nicht Zugelassenen ermöglichten, sich einzuklagen - was dem Verband erhebliche Kosten verursachte -, hatte der BVDG nun die Ausrichtung der ART COLOGNE vertraglich an die KölnMesse übertragen und fungierte fortan als nur mehr ideeller Träger. Der neue Zulassungsausschuß unter dem Vorsitz des Galeristen Karsten Greve reduzierte die Teilnehmerzahl weiter auf 243 Galerien, die ihr Angebot 71.000 Besuchern präsentieren konnten. Die Photographische Sammlung präsentierte eine Sonderschau mit Werken von Albert Renger-Patzsch, und mit der von VALIE EXPORT kuratierten Sonderschau erhielt erstmals die Kölner Kunsthochschule für Medien ein Forum auf der ART COLOGNE. Gleich zwei Preisträgerinnen wurden mit dem ART COLOGNE-Preis bedacht: Die Galeristinnen Charlotte Zander und Dina Vierny. Für einigen Wirbel hatte eine neue Konkurrenzmesse gesorgt: Zwei Wochen vor der ART COLOGNE war in Berlin das 'art forum' eröffnet worden.

Mit dem Verzicht auf Halle 5 konzentrierte sich die ART COLOGNE im Jahr 1998 auf die beiden Ebenen der Rheinhallen. Neben den bisher üblichen Förderkojen für den Künstlernachwuchs war für dieses und das kommende Jahr beschlossen worden, auch den Galeristennachwuchs zu fördern, indem man mit finanzieller Unterstützung der SK Stiftung Kultur der Stadtsparkasse Köln 23 jungen Galerien je eine 30 qm große Koje zum halben Preis überließ. In Sonderschauen gaben die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur und die Kunsthochschule für Medien einen Eindruck ihrer Arbeit, und mit der Sonderschau "KölnSkulptur" wurde ein neuer Ausstellungsschwerpunkt geschaffen: 36 Galerien präsentierten verkäufliche Plastiken und Installationen. ART COLOGNE-Preisträger des Jahres war der Ehrenvorsitzende des BVDG Gerhard F. Reinz. 70.000 Besucher zählte auch die ART COLOGNE des Folgejahres 1999, die einen ersten Umsatzhöhepunkt bei stetig steigenden Umsätzen erwirtschaftete. Große Zustimmung fand das Förderprogramm für Nachwuchsgalerien der Stadtsparkasse Köln, das man fortan verstetigen wollte, ebenso wie die "KölnSkulptur", die diesmal von 28 Galerien bestückt wurde. Mit Sonderschauen waren wieder präsent die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur, die fortan bis 2009 auf jeder Messe vertreten bleiben sollte, und die Kunsthochschule für Medien, die bis heute teilnimmt. Preisträger des Jahres 1999 war der Galerist Otto van de Loo, der als "Progressiver deutscher Galerist" den 'Kunstmarkt Köln '67' mit begründet hat. Das Platzen der 'dotcom-Blase' im März 2000 hat die ART COLOGNE 2000 noch nicht berührt - im Gegenteil, für manche der ausstellenden Galerien war es "die beste seit Jahren". Johannes Cladders, Direktor des Museums Abteiberg in Mönchengladbach, erhielt den ART COLOGNE-Preis. Für die Messe im neuen Jahrtausend wurden einige Reformen beschlossen: Die Messe sollte kürzer werden, und um die Zahl der Aussteller überschaubar zu halten, aber dennoch so wenige Bewerber wie möglich auszuschließen, sollte ein Rotationsmodell eingeführt werden. Regelmäßige Messeteilnehmer sollten zukünftig ihre Teilnahme einmal aussetzen müssen.