11.–14.04.2019

#artcologne2019

WILLIAM ANASTASI

William Anastasi gehört zu den Konzeptkünstlern der ersten Stunde. Die nüchterne Erkenntnis, dass die Kunst nichts sei, außer sich selbst, ließ alle illusionistischen, repräsentativen Aspekte von Kunst hinfällig werden und setzte zugleich das Ideal eines genialen Künstlers außer Kraft, ebenso wie die Aura von Einzigartigkeit, die das konventionelle Kunstwerk umgab. Allein die theoretische Existenz und der dokumentarische Charakter der Kunst war nun maßgeblich, da die Kunst nicht über sich selbst hinausweisen, sondern vielmehr ihre wesentlichen Kernpunkte thematisieren, ihre materielle, unmittelbare und konkrete Realität in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung rücken sollte.

Die künstlerische Vorgehensweise von Anastasis Blind Drawings, Walking Drawings, Subway Drawings, Burst Drawings, Drip Drawings und Pocket Drawings spiegelt diese Überzeugungen wider.
In den Burst Drawings zeichnet Anastasi mit verbundenen Augen ausgehend von der Mitte eines großen, an der Wand befestigten Blatt Papiers Striche mit Ölkreide, die sich strahlenförmig in den Außenbereich des Blattes ausdehnen. Das gezeichnete Ergebnis mutet wie eine Explosion an.
Die Kontrolle über den Schaffensprozess durch handwerkliche Beherrschung weicht damit dem Zufallsprinzip, der nun den Stift lenkt und die einzigartige, unverkennbare Handschrift des Künstlers tilgt. Die "Blindheit" des Künstlers wird ferner als Zustand der Ohnmacht angeführt, der die Kunst unmittelbaren Gegebenheiten, also außerhalb des künstlerischen Einflussvermögens, überlässt. Durch Ablenkung, Störung oder Blindheit sucht William Anastasi bewusst ästhetische Entscheidungen zu umgehen und entbindet somit den künstlerischen Schöpfungsprozess von der Erfindungkraft und dem Einfallsreichtum des Künstlers.
(Aus einem Text von Bettina Haiss, 2017)



JOËLLE DUBOIS

Joëlle Dubois malt und illustriert. Die digitale Revolution und die dadurch veränderte Rolle des Menschen in unserer modernen Gesellschaft setzt sie malerisch mit einem Augenzwinkern um. Besonders das Voyeuristische hat es der im belgischen Gent geborenen Künstlerin angetan. Social Media Plattformen wie Instagram, Snapchat oder YouTube, Fernsehsendungen wie Big Brother oder Der Bachelor erfüllen den Wunsch des Menschen anderen bei ihrem Leid, ihrem Liebesleben, ihrem Scheitern aber auch ihren Erfolgen anonym zusehen zu können. Durch die Digitalisierung ist die Kommunikation untereinander schneller, zielstrebiger und auch interaktiver geworden. Damit einher geht aber auch, dass immer weniger Privatsphäre möglich ist, der Mensch sich offener und nackter präsentiert und dass im Grunde alles zunehmend oberflächlich, unpersönlich und anonym ist.

Diesem Themenkomplex widmet sich Dubois auf eine ironische und auch komische Weise mit Leidenschaft in ihren Werken. Sie zeigt ihre Protagonisten exponiert und ungeschönt mit einem drastischen Realismus, der in der digitalen Welt oft sehr verzerrt und unwahr ist. Indem sie behaarte, adipöse Frauen und Männer in kompromittierenden Positionen zeigt, betont sie ihre eigene starke Rolle als unabhängige und emanzipierte Frau und Künstlerin. Bei all dem ist sie selbst eine stille Beobachterin und schaut der Welt in ihrer eigenen Zurschaustellung eines eigenwilligen Perfektionismus zu.
(Aus einem Text von Sabrina Tesch, 2018)





ANDREAS GEFELLER

Obwohl die von mir fotografierten Situationen der Natur entnommen wurden, erscheinen sie künstlich. Es sind Bilder des Übergangs und der Gegensätze. Massiv und transparent, organisch und generiert - obwohl mit großer Perfektion und detailreich fotografiert, wirken die Objekte unfertig, wie das Rendering eines Raumes, dem erst im nächsten Programmierschritt die Textur zugewiesen wird.

Dem Licht fällt eine besondere Bedeutung zu. Wie schon bei meiner Serie Blank schafft die Überbelichtung partielle, detailfreie Zonen, die, die Orientierung erschweren. Blicke ich auf etwas oder auf nichts? Oder auf Papier? Hört hier der reale Raum auf? Das Fehlen jeglichen Referenzpunktes und die extreme Schärfentiefe rauben den Fotografien die Größenverhältnisse. Ohne Halt schweben Gebilde im Raum; erinnern nur noch entfernt an pflanzliche Strukturen, die zu Ideen ihrer selbst werden. Filigran und durchscheinend wie Einzeller unter dem Lichtmikroskop und gleichzeitig bedrohlich wie die Sandwürmer aus Frank Herbert's Roman Dune wirken die Äste einer Chilenischen Araukarie. Die Struktur eines Busches ist trotz ihrer präzisen Darstellung derart abstrakt und vage, dass man auf die
Elektronenmikroskopaufnahme einer organischen Zellstruktur zu schauen meint oder auf die schematische Darstellung der größten räumlichen Zusammenhänge, die der Mensch kennt: gravitative Knoten in der Struktur des Universums mit einer Ausdehnung von mehreren Milliarden Lichtjahren.


Einsen und Nullen, Netzwerke, Daten, Schnittstellen, Synapsen, Links, Codes, Matrix. Ich suche nach dem Digitalen im Natürlichen, nach Strukturen, die sonst im technischen Kontext stehen, und visualisiere Zusammenhänge, die visuell nicht mehr zu begreifen sind. Ich schaffe Illustrationen einer mechanisierten Evolution, an deren Ende eines Tages möglicherweise nicht mehr der Mensch stehen wird, und blicke auf die andere Seite des Sichtbaren, auf die Rückseite des Lichts.
(Aus einem Text von Andreas Gefeller, 2017)



FRANÇOIS JACOB

Der 1976 in Brüssel geborene Jacob entwirft in seinen altmeisterlich ausgeführten Gemälden beklemmende Situationen wie Theaterszenen, in denen der Mensch wie eine Marionette in einem grotesken Rollenspiel gefangen zu sein scheint, dessen Charakterbesetzung nicht bekannt ist.

Jacob platziert seine oft mit Kostümen und Requisiten ausgestatteten Protagonisten in einen überwiegend dunklen Bildraum, der fast ohne Tiefenwirkung auskommt und eine melancholische, an die bläulich-grünliche Tonalität gebundene Grundstimmung evoziert. Das Bildgeschehen, unspektakulär und meist auf ein bis zwei Figuren konzentriert, spielt sich daher vordergründig ab, einer Bühnenhandlung gleich, getragen von einer barocken, Hell und Dunkel Effekte kontrastierenden Lichtdramatik. Die Aktion scheint angehalten, wie auf einem Standbild oder einer Momentaufnahme. Aus einem narrativen Gesamtzusammenhang herausgelöst, wird sie von einer geheimnisvollen Suggestivkraft umgeben, ist jedoch nicht näher zu bestimmen.

Häufig werden die Charaktere von einem einzigen Scheinwerfer gnadenlos angestrahlt. So wird die Schauspielerin, die sich hinter den Vorhang zurückgezogen hat, um einen Kleiderwechsel vorzunehmen, durch die grelle Beleuchtung schonungslos bloßgestellt. Vergleichbar mit einem schnellen Paparazzo Schnappschuss, dessen Ziel das Einfangen einer unbemerkten Pose ist, wird hier der Blick hinter die Kulisse geleitet (Actrice). Die punktuelle Lichtführung bei Jacob dient einer fast schmerzhaften Sichtbarmachung, wobei die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum aufgehoben und der Betrachter wie ein Voyeur in den Akt der Zurschaustellung eingebunden ist.
Jacobs Inszenierungen bringen im wörtlichen Sinne etwas "ans Licht". Sie enthüllen eine "andere Realität", eröffnen Parallelwelten und gewähren Einblicke in die Abgründe des Seelenlebens. In den wiederholt aufgenommenen Motiven des Verkleidens und Verhüllens wird das Spiel mit Dualitäten demonstrativ aufgeführt. Insbesondere wird der existenzielle Konflikt zwischen Schein und Sein offengelegt, um die Zerrissenheit des Menschen zu thematisieren.

Befremdlich muten also die Gestalten an, wie die menschliche Figur, die etwas linkisch auf einem Boden aus Holzplanken kniet und einen großen Eselskopf mit abgespreizten Ohren als ungeheuerliches Attribut trägt (Canasson). Die Konfrontation mit einem trügerischen Erscheinungsbild wird auch in der frontalen Ansicht dreier nebeneinander vorwärts schreitender Gestalten erfahrbar (Marches). Ihre gestaffelte Größe und die verschlungenen Hände lassen an die klassische Konstellation einer Mutter mit zwei Kindern denken, jedoch verbergen sich ihre Gesichter hinter Masken und sind damit unkenntlich. Eine Verunsicherung kommt auf, da die klare Zuweisung von Identität ausbleibt. In besonderem Maße wird diese Irritation angesichts der Gestalt der Tänzerin spürbar, die gleichermaßen durch männliche, weibliche und kindliche Anteile bestimmt ist. Hier wird eine geschlechtliche Uneindeutigkeit heraufbeschworen, die eine Identifikation unmöglich macht (La Pose).

Eine fundamentale Entfremdung findet somit statt und Jacobs Sujets wirken dementsprechend in sich gekehrt und deplatziert. Vorgeführt wie Diego Velázquez´ aus dem höfischen Personal stammende Riege, mit ihren traurigen Zwergen, Sklaven und Narren, weichen sie hinter einer - bisweilen karikaturhafte Züge aufweisenden - künstlichen Fassade zurück. Die wirkmächtigen Werke von François Jacob reflektieren das universelle Schauspiel, die Maskerade menschlichen Daseins und stellen unverhohlen die Ambiguität einer Existenz zur Schau, die sich in "vielen Gesichtern" manifestiert.
(aus einem Text von Bettina Haiss, 2017)



PAULINE M'BAREK

Im Werk von Pauline M'barek tritt der Körper als Erkundungsinstrument auf. Als Medium der
Weltaneignung ermöglicht er Erkenntnis, denn der elementare Erfahrungsschatz des Menschen basiert auf Sinneseindrücken, durch welche sich auch die Beziehung zur Umwelt erschließt.
Der Körper ist integraler Bestandteil des Selbst, ermöglicht aber gleichzeitig den Zugang zur Außenwelt. Als Grenze zum Anderen erscheint der Körper gleichermaßen durchlässig, dicht, porös und verschlossen. Sowohl Subjekt als auch Objekt, trägt und hinterlässt er Spuren der Interaktion.

M'barek setzt sich mit Wahrnehmungsprozessen auseinander, die sie aufspürt und bildhaft umsetzt bzw. in eine konkrete materielle Form überführt. M'barek befasst sich somit mit der Freilegung von Spuren subjektiver Wahrnehmungsmomente: "In der Ausstellung Relikte steht die Erkundung der sinnlichen Wahrnehmung durch einen Körper anhand von archäologischen Verfahren des Grabens, Entbergens und Abformens im Mittelpunkt: auf welche Weise lassen sich sinnliche Wahrnehmungen materialisieren?" (M'barek)

In ihrer Werkgruppe RELIKTE transformiert M'barek die vom Körper beim Graben hinterlassene Spuren und damit gleichsam die erfahrenen Sinneseindrücke in plastische Gestalt. Die resultierenden Objekte sind Zeugnisse einer Bewegung von Händen, die tief in den Sand eindringen. Durch blinde, unterirdische Suchbewegungen entstandene Hohlräume werden durch unzählige, feine Gipsschichten abgegossen und als Positiv wieder ausgegraben: "Der Abguß der grabenden Hand wird so zum Relikt, das Loch zum Gefäß, das Negativ zum Positiv." (M'barek) Als Ergebnisse dieser Umwandlung von Aktion in Artefakt offenbaren sich ästhetisch höchst anspruchsvolle gefäßartige Formen, deren grobkörnige und von Muschelpartikeln durchsetzte Außenwand an antike, verkrustete Unterwasserschätze erinnert.

Für Pauline M'barek ist der Körper und sein Wahrnehmungsapparat zugleich Untersuchungsgerät und Gegenstand der Untersuchung. Dabei geht es in ihrer Kunst weniger um die Offenlegung eines Ergebnisses, sondern vielmehr um die konkreten körperlichen Äußerungen, die solchen Vorgängen des Aufdeckens und Entdeckens eingeschrieben sind.
(aus einem Text von Bettina Haiss, 2017)

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Andreas Gefeller, 041 (Kraftwerkwolke), 2019, Injekt Print auf Fine Art Paper, 110 x 88 cm
Andreas Gefeller, 041 (Kraftwerkwolke), 2019, Injekt Print auf Fine Art Paper, 110 x 88 cm

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Andreas Gefeller / Thomas Rehbein Galerie

Andreas Gefeller, 040 (Welle), 2019, Inkjetprint auf Fine Art Paper, 153,2 x 149,1 cm
Andreas Gefeller, 040 (Welle), 2019, Inkjetprint auf Fine Art Paper, 153,2 x 149,1 cm

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Andreas Gefeller / Thomas Rehbein Galerie

François Jacob, Index, 2019, Öl auf Leinwand, 18 x 25 cm
François Jacob, Index, 2019, Öl auf Leinwand, 18 x 25 cm

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François Jacob / Thomas Rehbein Galerie

François Jacob, Colifichet, 2019, Öl auf Leinwand, 25 x 18 cm
François Jacob, Colifichet, 2019, Öl auf Leinwand, 25 x 18 cm

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François Jacob / Thomas Rehbein Galerie

Joëlle Dubois, Public Violence On World Star Hip Hop, 2019, Acryl auf Holz, 123,5 x 123,5
Joëlle Dubois, Public Violence On World Star Hip Hop, 2019, Acryl auf Holz, 123,5 x 123,5

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Joëlle Dubois / Thomas Rehbein Galerie

Joëlle Dubois, Every F*cking Time, 2019, Acryl auf Holz, 23 x 17 cm
Joëlle Dubois, Every F*cking Time, 2019, Acryl auf Holz, 23 x 17 cm

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Joëlle Dubois / Thomas Rehbein Galerie

Pauline M'barek, Semiophoren, 2013 (videostill), Video/HD/Ton/SW, min 14.28
Pauline M'barek, Semiophoren, 2013 (videostill), Video/HD/Ton/SW, min 14.28

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Simon Vogel / Thomas Rehbein Galerie

Pauline M'barek, Relikt, 2017, abgegossene Sandlöcher aus Gips, 80 x 50 x 50 cm
Pauline M'barek, Relikt, 2017, abgegossene Sandlöcher aus Gips, 80 x 50 x 50 cm

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Simon Vogel / Thomas Rehbein Galerie

William Anastasi Untitled (Blind Painting), 1996, Öl/Buntstift auf Leinwandlandkarte mit Holzstangen, 202 x 154cm
William Anastasi Untitled (Blind Painting), 1996, Öl/Buntstift auf Leinwandlandkarte mit Holzstangen, 202 x 154cm

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Simon Vogel / Thomas Rehbein Galerie

William Anastasi, Blind Drawings, Ausstellungsansicht, Thomas Rehbein Galerie 2017
William Anastasi, Blind Drawings, Ausstellungsansicht, Thomas Rehbein Galerie 2017

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Simon Vogel/Thomas Rehbein Galerie

Andreas Gefeller Biografie
Andreas Gefeller Biografie

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François Jacob Biografie
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Joëlle Dubois Biografie
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Pauline M'barek Biografie
Pauline M'barek Biografie

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William Anastasi Biografie
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Thomas Rehbein Galerie
Ansprechpartner: Thomas Rehbein
Aachener Str. 5
50674 Köln
mailto:art@rehbein-galerie.de
http://rehbein-galerie.de
+49-221-3101000

Die Thomas Rehbein Galerie wurde 1995 in Köln gegründet. Das Programm umfasst zeitgenössische Positionen narrativer und konzeptueller Kunst. Die Galerie hat sich von Beginn an auf eine inhaltsreiche, zeitgenössische Kunst konzentriert.
Die Künstler der Galerie reflektieren mit den Medien: Malerei, Zeichnung, Skulptur, Fotografie, Video und Installation ihre alltäglich gelebten Erfahrungen, sowie die Grenzen der Kunst. Die Künstler sind in nationalen und internationalen Museen und Sammlungen vertreten: MMK Frankurt a. M., Museum Ludwig Köln, Kunsthalle Hamburg, Gegenwartsmuseum Basel, Kupferstichkabinett Basel, MOMA New York, Guggenheim Museum New York, u.a.
Die Galerie wird von Thomas Rehbein und Sylvia Stulz-Rehbein geführt.

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